„Mutter, was soll das? Das ist lächerlich. Der Mythos deiner Schönheit wird doch nicht durch diese Sterbliche bedroht. Eher wird man, bei solch einer Unbedachtsamkeit, deine Weisheit in Frage stellen.“
„Wie redest du mit mir. Wer bin ich, dass ich Widerrede duldete. Es wird nicht diskutiert. Ich befehle - du folgst. Schluss.“
„Die grosse Venus Aphrodite verliert die Fassung. Unglaublich.“
„Was soll das? Seit wann kümmerst du dich um das Wohl der Sterblichen, oder sonst wem. Was ist schon dabei. Tausende Male sandtest du die Pfeile schon, Unheil zu bringen.“
„Liebe! Mama - nicht Unheil.“
„Auslegungssache. Vermähle sie mit dem scheusslichsten Dämon, welcher sich finden lässt in Proserpinas Reich! Sofort!“
„Wie du meinst.“
wenig später...
„Ich habe meine Mutter betrogen, wegen dir. Ich stach mir meinen Pfeil ins eigene Fleisch. Dich zu lieben, mit dir zu sein. Du dummes Weib, was hast du getan?“
„Verzeih! Wie konnte ich.“
„Glaubst du, dein Schluchzen hilft? Ich habe dich gewarnt, vor diesen eifersüchtigen Schlangen. Schwestern nennen sie sich - dass ich nicht lache.“
„Die Neugier war gross, so der Zweifel.“
„Gemeine Einflüsterungen - es ist alles dahin.“
„Geh nicht!“
„Zu spät.“
happy end...
„So bitte ich dich, Jupiter Zeus. Vermähle diese geläuterte Seele mit deinem unwürdigen Diener.“
„Nun mal nicht so pathetisch, Cupido. Mir ist zu Ohren gekommen, sie sei schwanger.“
„So ist es.“
„Na wenn das so ist - und auch wegen der ganzen Schwierigkeiten, die sie mit deiner Mutter hatte - sei ihr Unsterblichkeit geschenkt - und du nun endlich unter die Haube gebracht. Wie soll das Kind denn heissen?“
„Wollust.“
„Ah, ein Mädchen - wie schön.“
Wie ich sie hasse
die säuglichen Schleicher.
Bitte zur Kasse
neun Tode reicher.
Neun mal rot
auf weisser Wand.
Neun rote Tode
in meiner Hand.
PSYCHOLOGISCHE GUTACHTEN
IX/001 - Xenophobie
Ich gehe in den Raum. Der Raum ist groß. Es ist eine Kneipe. Hier sind viele Leute. Draußen ist es dunkel. Eine Frau fragt mich etwas. Ich antworte nicht. Warum nicht? Ich bin traurig. Wo sind die Menschen. Ich kann sie nicht wahrnehmen. Meine Trauer ist groß. Ich werde nicht weinen. Ich kann nicht. Ich warte. Worauf? Die Dunkelheit ist auch drinnen. Ich bestelle ein Bier. Mir kommt es bekannt vor. Das kenne ich. Ich trinke. Das Bier schmeckt bitter. Es ist zu kalt. Es macht nichts. Ich setze mich an einen Tisch. Allein. Der Tisch ist zu groß für mich. Ich warte weiter. Nichts passiert. Ein Pärchen kommt. Es sind Touristen. Sie setzen sich zu mir. Sie reden laut. Noch mehr kommen. Sie verdrängen mich von meinem Platz. Ich gehe auf die Toilette. Vor mir geht eine Frau. Sie dreht sich um. Ich mustere sie. Sie läuft schneller. In der Toilette stinkt es. Ich schaue in den Spiegel. Mein Gesicht gehört mir nicht. Es ist fremd. Es ist grau. Ich bin allein. Ich habe kein Gesicht. Ich uriniere. Die Pisse schäumt. Ich träume nicht. Der Strahl macht ein lautes Geräusch. Es hallt an den Wänden. Mein Schwanz ist fleischig. Darauf ist eine Warze. Ich packe ihn ein. Ich habe Angst vor dem Spiegel. Ich gehe. Wohin? Hinaus. In die Dunkelheit. Es nieselt. Ich habe vergessen zu bezahlen. Ich warte. Niemand kommt. Es ist kalt. Ich gehe nach Hause.
Ich schlafe. Mein Traum ist schwierig. Eine Frau will mich töten.
Meine Freundin weckt mich. Sie will etwas. Ich sage nichts. Es ist schon spät. Besucher kommen. Ich gehe. Mein Zimmer ist ruhig und hell. Ich schreibe. Niemand stört mich. Die Gedanken sind frei. Die Menschen rennen. Jemand treibt sie. Papiere werden ausgefüllt. Es sind keine Gedichte. Am Ende sterben sie. Die Menschen. Sie sind tot. Die Gedichte. Ich bin der Letzte. Warum bin ich hier? Es gibt viele Fragen. Wozu? Ich zweifle an allem. So kann man nicht leben. Ich lebe. Ich warte. Es schmerzt. Noch Milliarden Jahre, bis alles vergeht. Die Gier ist groß.
Ich habe eine Stimme. Es gibt zu viele Stimmen. Was für ein Durcheinander. Ich schreie ohne Laute. Das ist Metaphysik.
Ich bin total nutzlos, zu nichts nutze, ein Nichtsnutz. Ich möchte nicht nützlich sein. Akkuschrauber sind nützlich und Prostituierte. Wir könnten zusammen leben. Der Bauer, der Priester, der Affe, der Fernsehmoderator, der Soldat, Vater, Mutter, Kind. Ich habe Angst. Also lüge ich. Das ist die Wahrheit. Alle Dichter sind Lügner. Bald werde ich etwas schönes schreiben, einen Kriminalroman vielleicht. Das mögen die Leute. Helden, Kampf auf Leben und Tod, Gewinner, Verlierer. Leicht ist das nicht. Man benötigt einen gewissen Optimismus. Liebesgeschichten? Die gibt es nicht. Antigeschichten, Antihelden, Nichtliebe. Das bin ja Ich, schon wieder.
Es war einmal ein Mann, der wollte immer nur ficken. Das ging auch eine ganze Weile gut. Er wurde älter. Etwas fehlte. Was war es? Er gründete eine Familie, mit Kindern und allem drum und dran. Etwas fehlte immer noch. Er nahm sich eine Geliebte. Das half ein bisschen. Nach nicht all zu langer Zeit, spürte er es wieder. Etwas fehlte. Er verließ die Familie und auch die Geliebte. Nun war es noch schlimmer. Seine Zeit lief ab, ohne daß er herausgefunden hatte, was es war, das ihm fehlte.
Der Mann öffnete die Augen. Alles war an seinem Platz. Das hatte er nicht erwartet. Die Arbeitsleuchte "Kvart" von Ikea, der alte runde Spiegel am Fuße seines Bettes, das Regal, eigentlich kein Regal sondern gestapelte Bücher zwischen einfachen Brettern. Nichts hatte sich verändert - wie jeden Morgen.
Enttäuscht stand der Mann auf und legte sich auf den glatten Boden seines Zimmers. Dann winkelte er die Beine an und versuchte sich zu konzentrieren. Er ignorierte die monotone Stimme des Nachrichtensprechers, die sich, aus dem Radio von nebenan, gleichgültig über die Stille erhob. Sein Körper schmerzte. Der Mann war neununddreißig Jahre alt.
Die Tür ging auf. Dabei entstand ein Luftstrom, der ihn beinahe weggeweht hätte, ins Weltall und darüber hinaus. Doch auch die Erdanziehungskraft war dieselbe wie jeden Morgen. Also blieb er liegen. Er sah eine Frau mit einem schönen Mund. Der Mund sagte:
"Kannst du mir meinen Businessplan neu ausdrucken, ich hab die Zahlen nochmal geändert. In zwanzig Minuten muß ich los."
Er ließ ein wenig Zeit verstreichen und antwortete wie erwartet:
"Alles klar."
Das waren seine ersten und letzten Worte an jenem Morgen.
Der Computer spielte beim Einschalten den verhassten Akkord. Das Gerät stand auf einer langen Arbeitsplatte vor zwei großen Fenstern, deren Vorhänge der Mann jetzt zurückschob. Die Straße lag ruhig und leer im Sonnenlicht. Die meisten Autos waren schon zur Arbeit gefahren. Es würde ein schöner Tag werden.
Er zog die Gardinen wieder zu und setzte sich vor den Bildschirm, der das Tor zur Welt repräsentierte. In die Googlesuchzeile tippte er die Worte >> Anzahl der Selbstmorde bei Juden im dritten Reich <<. Die Helligkeit im Raum nahm unvermittelt ab. Der Mann wußte, wie schnell sich große Wolken manchmal vor die Sonne schoben und so das Licht und die ganze Stimmung der Welt abrupt verändern konnten. Doch jetzt gerade kam etwas Unbeschreibliches hinzu. Er hielt dem Atem an, um herauszufinden, was es war. Dann hörte er es. Das heißt, er hörte nichts. Absolut nichts. Kein Radio, kein Lüftergeräusch des Rechners, auch nicht das permanente Rauschen seines Tinitus. Wenn er sich bewegte, würde sein Stuhl knarren. Allein, eine irrationale Angst, hielt ihn davon ab, es zu probieren. Reglos saß er da und rührte sich nicht. Er mußte unweigerlich an eine atomare Explosion denken, von der er sich immer vorgestellt hatte, sie würde, mit allem anderen, auch die Zeit vernichten. Je länger die Stille dauerte, desto größer wurde sein Entsetzten. Dann verlor er die Sinne.
Als der Mann wieder zu sich kam, war das Zimmer leer. Er lag in der Mitte des Raumes mit Blick zu den Fenstern. An die Stelle der Lautlosigkeit war nun ein kaum vernehmbares Knirschen oder Schaben getreten. Der Boden bebte leicht und es dämmerte merklich. Man konnte schon fast nichts mehr erkennen und so brauchte er eine Weile, sich der unwirklichen Szene gewahr zu werden. Er stellte keinerlei Überlegungen an über den Verbleib all der Dinge. Er erhob sich und ging unsicher auf die Fenster zu. Ihm war kalt. Als er die Vorhänge zurückzog, hätte ihn Panik überkommen müssen. Stattdessen aber war er nun vollkommen ruhig. Er betastete die riesigen grauen Spiegel aus Blei. Ohne sich zu vergewissern, daß sein Zimmer auch keine Tür mehr hatte, kehrte er in die Mitte zurück und wartete, daß die Wände sich zusammenschoben.
Es wurde finster.